Dienet einander! Helfen als lebendiges Zeugnis

Franziskus von HeeremanDiakonia, Liturgia, Martyria, Communio gelten als die Grundvollzüge der Kirche. Dabei scheint es mit der Gemeinschaft (Communio) zwischen dem tätigen Dienst am Menschen in seiner Not und Angewiesenheit (Diakonia) und dem Zeugnis-Geben (Martyria) nicht allzu weit her zu sein. Während viele caritative Werke den Dienst der Verkündigung weit von sich weisen, ist in den neuen Bewegungen, die Gebet und Verkündigung in die Mitte stellen, das caritative Handeln als Ort der Gegenwart Gottes oft deutlich unterrepräsentiert. Beiden Seiten scheint es an der Erfahrung zu fehlen, dass caritatives Handeln in sich Zeugnischarakter hat. Ohne dieses Zeugnis wird alles Reden von der Liebe Gottes leer und hohl, so wie andererseits das Verstummen der Rede von der Liebe Gottes dem caritativen Handeln das Wissen um seine Quellen entziehen wird. Vortrag und Diskussion zum Zeugnischarakter des Helfens.


Prof. Dr. Franziskus von Heereman: Studium der Philosophie, Literaturwissenschaft und Fundamentaltheologie in München. Promotion und Habilitation in Philosophie ebenfalls in München. Seit 2016 Inhaber des Stiftungslehrstuhles für Philosophie sozial-caritativen Handelns mit den Schwerpunkten Anthropologie, Ethik und Religionsphilosophie. Forschungsschwerpunkte: Philosophie des Helfens, Philosophie der Liebe, Philosophie des Bildes. Seit 1996 ehrenamtlich teils als Pflegekraft/ Betreuer, teils in Leitungsfunktionen bei den Maltesern engagiert (v. a.: Libanonprojekt und Malteser-Lourdes-Krankendienst ). Franziskus von Heereman ist verheiratet und hat drei Kinder.


Workshop am 28.09.2019 in Krefeld
Professor Heeremann legt seine Gedanken dar ausgehend vom Kernsatz: „Ich kann nicht jemanden lieben, ohne die zu lieben, die er liebt.“ Ich kann daher auch nicht Gott lieben, ohne Seine Geschöpfe zu lieben. Gottes- und Nächstenliebe sind also untrennbar. Nächstenliebe ist „Einstimmen in die Liebe Gottes“. Daraus leiten sich die vier Grundvollzüge der Kirche ab:
1. Liturgia – die Feier der Auferstehung, das Stehen vor Gott
2. Martyria – das Glaubenszeugnis
3. Diakonia – die tätige Nächstenliebe
4. Communio – die Gemeinschaft aller Christen

Die volle Gemeinschaft mit Gott ist der Kirche nur möglich, wenn sie keinen dieser Grundvollzüge vernachlässigt. Jeder Mensch hat Begabungen, die in einem oder mehreren dieser Bereiche liegen. So legt auch jeder Orden seinen Schwerpunkt in einem der Bereiche. Die Benediktiner z. B. betonen die Liturgie, die Dominikaner das Martyrium (Predigen), die Schwestern Mutter Theresas die Diakonie.

Einschub aus der Predigt der Abschlussmesse: Auch die letzten drei Päpste haben je ihren eigenen Schwerpunkt gelegt: Papst Johannes Paul II auf die Verkündigung, Papst Benedikt XVI auf die Liturgie, Papst Franziskus auf die Diakonie.

„Christus in die Mitte“ heißt natürlich auch: die in die Mitte holen, die Gott besonders liebt – die Armen, Kranken, Bedürftigen. Die Kirche Gottes muss sich an der Frage messen: „Wo sind die Armen?“

Diakonie ist Dienst am Nächsten. Dienen heißt hier „mit Gott lieben“. Der Dienst am Nächsten darf nicht an Bedingungen geknüpft werden. Auch nicht an die zur Bereitschaft sich von Christus erzählen zu lassen oder gar sich bekehren zu lassen. Diakonie ist durch ihre bedingungslose Nächstenliebe vor allem auch Zeugnis des Glaubens. (Franz von Assisi: „Verkündige das Evangelium, zur Not auch mit Worten!“) Das stärkste und wirksamste Glaubenszeugnis ist das Sichtbarmachen der bedingungslosen Liebe Gottes zu jedem einzelnen Menschen. Dies ist unsere Aufgabe als Christen.

Frage von einer Teilnehmerin: Wie kann ich die Verweigerung von weiterer Hilfe vor mir selbst und vor dem Hilfsbedürftigen rechtfertigen, wenn ich mich ausgenutzt fühle?
Dazu drei Gedanken von Prof. Heeremann:
1. Wenn ich jemandem erlaube, mich auszunutzen, tue ich ihm nichts Gutes, helfe ich ihm letztlich nicht.
2. Die Verantwortung für mich selbst kann ich nicht delegieren. Nur ich selbst kann mich darum kümmern.
3. Jesus hat ebenso gehandelt: Er hat nicht an einem Ort so lange Wunder getan, bis alle geheilt waren. Er hat Grenzen gezogen. Er hat sich den Hilfesuchenden entzogen, um z. B.allein zu beten.

Frage von einem Teilnehmer: Wie kann ich als Jugendlicher konkret caritativ handeln?
Dazu drei Anregungen von Prof. Heeremann:
1. Ich frage mich: Wer in meiner unmittelbaren Umgebung brauch meine Hilfe, braucht einen Gefährten?
2. Welche Gruppen in meiner Nähe gibt es, die ich unterstützen kann?
3. Ich lasse mich von Gott senden. Dazu muss ich Gott bedingungslos vertrauen.