2019-12-25 | Christ, der Retter ist da!

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Sie heißen Emma, Bruno, Thomas, Basti, Lilly, Lena, Novitesse, Badenia, Schlaraffia, Medisan und „Größenwahn“: Matratzen.
Zu haben sind sie in den großen Möbelhäusern und in Geschäften, die sich auf das Polster spezialisiert haben, das man braucht, um gut zu schlafen. Denn: „Wie man sich bettet, so schläft man.“ Da hat das Sprichwort recht.

Egal ob Wolle oder Baumwolle, Seide oder Kaschmir, Leinen oder Ingeo-Faser Verwendung finden, ob Kaltschaum, Latex, Viscoschaum oder Federkern das Innenleben einer Matratze bestimmen, es kommt auf die Füllung und die Struktur der Schlafunterlage an. Es ist keineswegs egal, wie sie gefüllt und konstruiert ist. Sie muss den Anfoderungen dessen entsprechen, der auf ihr liegt.

In diesen Stunden versammelt sich die Christenheit um eine Liegestatt, näherhin um ein Nachtlager. Es ist die Krippe von Bethlehem. Millionenfach sieht man in den Krippendarstellungen das Kind auf – oder besser – in ihr liegen. Und natürlich geht es dabei um das Bewundern dieses Wunders der Menschwerdung. Man sieht ein Kind und man glaubt, dass es Gott ist. Man staunt über das, was uns berichtet wird, dass das Geschehen von Bethlehem sich in einem Stall und in einer Futterkrippe abspielt. Und alle wissen, dass die Geschichte von Jesus Christus auf diese prägende Weise beginnt: als Geburt an einem unbequemen Ort und in einem anschließenden Liegen auf einem Provisorium.

Darin liegt etwas Symbolisches. Gott wird Mensch, so wie wir Menschen werden. Durch Geburt, in Hilfsbedürftigkeit und Gefährlichkeit und in dem drängenden Bedürfnis nach Wärme und Geborgenheit. Dieser Wunsch verlässt uns nicht ein Leben lang. Denn es gibt im irdischen Leben nicht diesen Automatismus, dass alles von vornherein glatt ginge, bequem wäre, unfallfrei vorangehen würde. Gott wollte sich offenbar diesen Vorzug selbst nicht gönnen, göttlich auf die Welt zu kommen. Er macht es menschlich, Mensch zu werden.

Eigentlich zwar eine Zumutung – und zwar nicht nur für Gott selber, der Seinen Thron verläßt, um Seinen Willen, Seine Anordnungen, Seine Wahrheit, Sein Wort, Fleisch werden zu lassen. Es ist auch eine Zumutung für uns darin, uns einen Gott vorstellen zu müssen, der plötzlich nicht mehr nur göttlich ist. Sondern klein, zappelig, frierend, und auf piksendem und aller Wahrscheinlichkeit nach nicht bequemen Stroh in einer Krippe liegt.

Der Kranz an literarischen Konstruktionen, die Dichter aller Zeiten in und um den Stall von Bethlehem erfunden haben, umfasst auch immer die Stimmung in der Krippe, die Menschen, die zu Besuch kommen, die Engel, Hirten, Könige und sogar die Tiere. Sie werden meist als Botschafter oder Beobachter dargestellt. Und oft ist es dabei die Sorge um das behütete und bequeme Liegen des Kindes, das diese oft erfundenen Gestalten umtreibt.

Wir sind heute – ganz real – eingeladen, zur Krippe zu kommen in der Feier der Weihnacht. Wir sind – so will es die Menschwerdung Gottes – nicht Zuschauer eines Geschehens, mit dem wir nichts zu tun haben. Wir sind – ganz im Gegenteil – Teil des Geschehens. So sehr ein Teil, dass es unser Leben verändern kann, wenn wir dessen gewahr werden.

Denn es sind wir, für die dieses Kind dort liegt und sich von den Strohalmen piksen lässt. Für uns friert es und beginnt seinen Weg als Mensch – holperig, unsanft als nicht vorgesehenes Neugeborenes zwischen überfüllten Herbergen.
Und es sind wir, die aufgerufen sind, uns dazu zu stellen, danach zu verhalten, und uns davon bewegen zu lassen.

Jedes Jahr zur Weihnacht liegt eine Chance darin, diesen Gott besser zu verstehen, der etwas so ungeahnt Widersprüchliches tut. Der sich uns so überraschend als jemand zeigt, der das Dunkel sucht, das Abseits, die Ablehnung, die Brüchigkeit, das Unwirtliche und das Bedrohte. Der uns mit Seiner Geburt im Stall auf dem harten Holz der Krippe beweist, dass Er uns dann am innigsten umfangen will, wenn wir mit all diesen Lasten und Geschwüren unseres Lebens beladen zu Ihm kommen.
Wir müssen sie nicht abstreifen, wie schmutzige Schuhe beim Betreten des Palastes; wir können sie mitnehmen in den Stall, in dem Er schon auf uns wartet.

Ja, es ist paradox, aber alles, was uns anhängt an Lasten, ist dazu geeignet, Ihm als Geschenk in die Krippe gelegt zu werden. Das, was uns schwer macht, macht Sein Lager weich. Das, was uns misslungen ist, was uns zerbrochen ist, das, was uns zugefügt wurde und was wir auferlegt bekamen, ist Ihm willkommen. Denn dafür hat Er sich ins Abseits gemischt. Dafür ist Er Mensch geworden. Damit der Mensch spürt, dass er geliebt ist – ganz und gar und auch und gerade mit seinen Wunden und Schmerzen.

Jeder, der zur Krippe kommt, weiß am besten, was ihm fehlt, wonach er sich sehnt, was ihm entglitten ist und was er falsch gemacht hat. Jeder kennt seinen Weg durch sein Leben und beklagt Wendungen, die es nicht hätte geben dürfen. Jeder trägt seine Last und jeder ist ein Sünder und Versager in irgendeinem Bereich des Lebens. Jeder hat begrabene Hoffnungen und unheilbare Verletzungen. Jeder weiß, wo das Leben giftig mit ihm war und wo es ihm zuwider wurde, jeder kennt die Zweifel daran, ob es sinnvoll war, geboren worden zu sein.

Und genau da – in diesen Abgründen und Wirrnissen des Lebens und der Lebenden – da liegt das Kind in der Krippe und will nichts mehr, als von uns all das zu empfangen – all das Schmutzige, Verkehrte, Verworrene, Verletzte und Gesündigte. Denn daraus besteht Sein Krippenpolster! Unsere Sünden und unser Leid, unsere Traurigkeit und unsere Ängste, unsere Nächte und nebligen Tage, unsere oft tief empfundene Wertlosigkeit angesichts der Zeit, die uns Atemzug für Atemzug vernichtet und dem Tod entgegenbringt.
Unser schwaches Menschsein will Er haben und sich selbst anziehen, um es zu erlösen von allem Makel und aller Sinnlosigkeit von Sünde und Tod.

Denn wer es schafft zu glauben, dass dieses Kind Gott ist und dass es dort liegt, um meinetwillen, der darf sich befreit wissen von der Angst, dass alles nur zum Scheitern verurteilt sein könnte. Denn wenn Er um meinetwillen und um meiner Sünden willen dort liegt, dann kann mir nichts mehr drohen. Denn dann hat mein Leben einen unendlichen Wert. Weil Er bei mir ist. Und weil Er bei mir bleibt.

Jesus Christus, der Sohn des unendlichen Gottes, ist gekommen, um uns das in unsere Nacht zu bringen. Uns, den Hirten und Weisen, den Praktischen und Denkenden, den Verzweifelten und Hoffenden, den Singenden und Bedrückten, den Ochsen und Eseln und den Engeln mit den geknickten Flügeln. Uns allen will Er der Retter sein. Sich von uns sanft betten lassen durch unser Vertrauen, unseren Glauben und unsere Reue. Damit die Krippe weich wird durch uns.

Darin wird das Kind unsere Dankbarkeit entdecken, dass wir Ihm zutrauen, Gottes Sohn zu sein, der niemanden unberührt von der Krippe wegschickt, der Ihm sein Herz und seine Hoffnung geschenkt hat und nicht bloß Zuschauer geblieben ist.


Gesegnete und wahrhaft frohe Weihnachten!


Text: G. R.
Foto: Giampaolo Mastro; Pixabay